Auf Augenhöhe – schwedische Kinder- und Jugendliteratur

Auf Augenhöhe – das ist es, was die schwedische Kinder- und Jugendliteratur seit Jahrzehnten auszeichnet und wofür sie nicht zuletzt weit über ihre Landesgrenzen hinaus geschätzt wird. Geprägt von einem progressiven Kindheitsbild, dem Respekt gegenüber Kindern und Jugendlichen und ihrem Blick auf die Welt, werden Freude, Spiel und Spaß ebenso verhandelt wie Sorgen und Nöte. Spürbar ist eine sehr große Loyalität mit den kindlichen und jugendlichen Protagonist:innen – frei von Verurteilungen oder Belehrungen.

So zeigen die Bilderbücher von Emma Adbåge wie „Blödes Bild” (dt. 2020, „Dumma teckning”, Text Johanna Thydell, 2017) oder „Die rote Burg” (dt. 2021, „Slottet“, 2019) nicht nur einen sehr modernen, frischen Strich, sondern thematisieren ohne moralinsauren Beigeschmack Empfindungen wie Neid oder Wut. Wenn Emma Adbåge in „Unsere Grube“ (dt. 2021, „Gropen“, 2020) die unbezähmbare kindliche Phantasie feiert, die allem schulischem und elterlichem Regulierungswahn widersteht, fühlen sich die Erwachsenen ertappt – und die Kinder gestärkt.

Emma Adbåge gehört ebenso wie ihre Zwillingsschwester Lisen, Karin Cyrén, Klara Persson oder Joanna Hellgren zu einer neuen Generation, die neben geschätzten Bilder- und Sachbilderbuchkünstlerinnen wie Anna Höglund, Stina Wirsén, Eva Lindström oder Pernilla Stalfelt steht und die schwedische Bilderbuchlandschaft bereichert. Akzente setzen neue ästhetische Formen ebenso wie gesellschaftskritische Inhalte: „Veckan före barnbidraget“ (2021, Die Woche vor dem Kindergeld) von Elin Johansson oder Uje Brandelius und Clara Dackenbergs „Hemma hos Harald Henriksson“ (2018, Zu Hause bei Harald Henriksson) bleiben im kindlichen Erfahrungshorizont verhaftet, doch verhandeln mit großer Ernsthaftigkeit Klassenunterschiede und Armut und stellen die Idee der egalitären schwedischen Konsensgesellschaft in Frage. Die gegenwärtige Sensibilität gegenüber gesellschaftlichen Themen schließt das Bestreben nach Diversität auch mit Blick auf BIPoc und LGBTQ+ ein. Das schafft zunehmend Pluralismus und Repräsentation, auch wenn bisweilen aktivistische oder paternalistische Tendenzen spürbar sind.

Geschlechterrollen und -klischees dekonstruiert Pija Lindenbaum schon seit langem – bereits in „Luzie Libero und der süße Onkel“ (dt. 2007, „Lill-Zlatan och morbror raring“, 2006) oder „Paul und die Puppen“ (dt. 2008, „Kenta och barbisarna“, 2007). Doch sie verzichtet darauf, mit erhobenem Zeigefinger Handlungsanweisungen zu formulieren. Vielmehr spiegeln sich in ihrem dynamischen Strich und den verzerrten Perspektiven kindliche Wahrnehmung und subjektive Gefühlswelten. In „Franziska und die Wölfe“ (dt. 2006, „Gittan och gråvargarna“, 2000) externalisiert Pija Lindenbaum Ängste und Unbehagen, während sie in „Wir müssen zur Arbeit“ (dt. 2021, „Vi måste til jobbet“, 2019) Räume kindlichen Spiels entwirft. Pija Lindenbaum Bücher wurden vielfach für das Theater adaptiert, wobei sie oft die Bühnenbilder schafft.

Alltags- und Grenzerfahrungen findet man auch im Kinderbuch – oder besser: in den Kindemedien. Befeuert durch die Pandemie erleben (gestreamte) Hörbücher einen Boom: Hören ist das neue Lesen. Alle Register ziehen Camilla Brinck und Maxim Kalmér in „Musse & Helium“. Der (kommerzielle) Erfolg ist enorm. Zunächst als Hörbücher konzipiert, kommen die Bücher inzwischen auch im Print heraus und komplettieren das „Musse & Helium“ Universum.

Lesefutter, das zuerst in Buchform erscheint, gibt es dennoch weiterhin. Superhelden, Fußball, Pferde und Krimis stehen hoch im Kurs: Lösen bei Ulf Nilsson „Kommissar Gordon“ (dt. ab 2014) und Buffy die Fälle, gehen bei Martin Widmark Lasse und Maja auf Verbrecherjagd. In den inzwischen 30 Büchern zum „Detektivbüro LasseMaja“ (dt. ab 2002) sind Leser:innen zum Miträtseln aufgefordert. Um Verbrechen und Abenteuer geht es auch in Jakob Wegelius‘ seitenstarken und fabulierfreudigen Abenteuerromanen um die geschickte, kluge und mutige Affendame „Sally Jones“ (dt. ab 2009): Ihr gelingt es immer wieder, ihre Freunde aus ausweglosen Situationen zu retten. Die Romane bestechen nicht nur durch ihre vielschichtigen Figuren und ihre spannende Dramaturgie, sondern auch durch ihr Setting. Denn sie spielen in den 20er/30er Jahren des 20. Jahrhunderts und beschwören eine ganz eigene Atmosphäre, was nicht zuletzt dank der suggestiven Schwarz-Weiß-Illustrationen gelingt. Gestaltet wurden sie ebenfalls von Jakob Wegelius.

Tierische, antromorphisierte und vielschichtige Held:innen sind auch ein Markenzeichen von Frida Nilsson, die in Romanen wie „Ich, Gorilla und der Affenstern“ (dt. 2020, „Apstjärnan, 2005) unvergleichliche Figuren geschaffen hat. Erzählt Frida Nilsson bereits hier mit großer Ehrlichkeit von versehrten Seelen und von Autonomie und Einsamkeit, wirft sie in „Siri und die Eismeerpiraten“ (dt. 2017 „Ishavspirater“, 2015) und „Sasja und das Reich jenseits des Meeres“ (dt. 2019, „Det tunna svärdet“, 2017) auch ökologische, soziale und metaphysische Fragen auf. Ernster im Ton, mit symbolischer Bildsprache und mit intertextuellen Bezügen geht es um Gier, Raubbau, Grausamkeit, das Böse und den Tod. Die existenzielle Schwere wird nicht verleugnet, allerdings scheint immer Hoffnung auf.

Zuversicht vermittelt auch Rose Lagerkrantz in „Zwei von jedem“ (dt. 2021, „Två av allt“, 2020) – und das, obwohl sie sich eines sehr schweren Themas annimmt: dem Holocaust. Doch sie erzählt nicht allein von Schrecken, Gewalt und Mord, sondern stellt eine Kinderfreundschaft, die die dunklen Zeiten übersteht und aus der Liebe wird, in den Mittelpunkt – eine Geschichte, die eng mit der ihrer eigenen Mutter Ella verknüpft ist.

In „Kerstin ist goldrichtig“ (dt. 2021, „Det fina med Kerstin“, 2018) schildert Helena Hedlund sensibel Gewissenskonflikte und ist dabei immer ganz nah an Kerstin, ihrer introvertierten Heldin mit dem rotgoldenen Haar. Um einiges temperamentvoller als Kerstin ist Sara Ohlssons furchtlose Erzählerin Fanny: „Fanny ist die Beste“ (dt. 2020, „Frallan är bäst“, 2018) ist voller Mädelspower, da sich Fanny, Mama und Oma als unschlagbares Dreigestirn durch einen chaotischen Alltag wuseln. Turbulent geht es auch in „Fanny und die Liebe“ (dt. 2021, „Frallan och kärleken“, 2019) zu, wo sich Fanny mit großen Fragen und Gefühlen auseinandersetzen muss.

Ebenfalls eine enge Bindung von Enkelin und Oma entwirft Emma Karinsdotter in „Lisbet och Sambakungen“ (Lisbet und der Sambakönig, 2018): Hätte Pippi Langstrumpf keine Krumulus-Pillen geschluckt, wäre sie nun wie Lisbets Oma Sambakungen, die Konventionen verabscheut. Auch wenn Lisbet das sehr gefällt, möchte sie manchmal einfach nur sein wie alle anderen. Der Roman strotzt vor Sprachwitz und anarchischen Einfällen und thematisiert Zugehörigkeit, Abgrenzung und Selbstbehauptung.

Eine weitere exzentrische Großmutter findet sich in Jenny Jägerfelds „Mein geniales Leben“ (dt. 21, „Mitt storslagna liv“, 2019), in dem Sigge mit Mutter und jüngeren Schwestern zur Oma zieht und diesen Neustart nutzen will, um endlich Freunde zu finden. Als Psychologin kennt Jenny Jägerfeld seelische Nöte. Sie schildert sie mit Humor, ohne jedoch ihre Held:innen dabei zu verraten. Das gilt auch für „Comedy Queen“ (dt. 2020, „Comedy Queen“, 2018): Nach dem Selbstmord ihrer an Depressionen erkrankten Mutter will Sasha ihre Traurigkeit nicht zulassen – aus Angst so zu werden wie ihre Mama. Stattdessen setzt sie alles daran, eine Karriere als Stand-up-Comedian zu starten.

Ähnlich selbstironisch im Ton und ohne die Gefühle ihrer Heldin Majken lächerlich zu machen, erzählt Johanna Lindbäck in „Kein bisschen verliebt?“ (dt. 2022, „Lite ihop“, 2013) davon, wie es ist, wenn alle anderen plötzlich über die Liebe reden und man selbst nicht so richtig weiß, was das alles soll.

Um eine neue, verwirrende Freundschaft geht es auch Oskar Kroons „Warten auf Wind“ (dt. 2021, „Vänta på vind“, 2014): In den Sommerferien bei ihrem Großvater lernt Vinja Rut kennen, die so ganz anders ist als sie. Neben der Freundschaft zu Rut gestaltet der Roman die Beziehung zwischen Vinja und ihrem Großvater: Wie so oft sind die Eltern abwesend und es ist die Großelterngeneration, die den Kindern nähersteht. Weitere kinderliterarische Topoi greift Oskar Kroon seinem sommerlichen Insel-Setting auf, um auch auf diese Weise Sehnsüchten, neuen Gefühlen und dem Ende der Kindheit zu erzählen.

Bruchstellen beleuchtet auch Ingrid Olsson: In „Neuschnee“ (dt. 2016, „Önska bort, önska nytt“, 2012) erzählt sie von Jungen und Mädchen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sie findet dafür einen Ton von bestechender Klarheit und Intensität, und obwohl sie Krisenhaftes verhandelt, lässt die Sprache die Erzählungen wie Neuschnee funkeln.

Coming-of-Age-Geschichten sind neben der High Fantasy charakteristisch für die Jugendliteratur: Der Konflikt von Anpassung und Aufbegehren und die Suche nach der eigenen (sexuellen) Identität wird nicht nur in Graphic Novels wie z.B. von Hanna Gustavsson, Alma Thörn oder Malin Skogberg Nord, sondern auch in Romanen wir bspw. von Katja Timgren oder Johan Ehn gestaltet. Fast wie ein feministisches Manifest liest sich der Kollektivroman „Fula tjejer“ (2020, Hässliche Mädchen) von Sara Ohlsson, Johanna Lindbäck und Lisa Bjärbo, der Empowerment junger Frauen gegen fragwürdige Körper- und Schönheitsideale und die Macht der Bilder in den (a)sozialen Medien thematisiert.

Doch trotz dieser klaren Referenzen auf die Herausforderungen der „wirklichen Welt“ geht in Schweden die Produktion des „klassischen gedruckten Jugendromans“ stetig zurück. Dies ist sowohl Reaktion darauf, dass diese Zielgruppe immer schwieriger zu fassen ist, als auch Indikator für einen sich wandelnden Buch- und Medienmarkt: Die Vormachtstellung des gedruckten Buchs wackelt. In der gegenwärtigen Kinder- und Jugendliteratur bedeutet „auf Augenhöhe“ daher auch, wandelnde Rezeptions- und Mediengewohnheiten als Teil einer veränderten Lebenswelt zu akzeptieren und andere Wege des Erzählens (und der Vermittlung) zu finden – im Analogen und im Digitalen. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn das Bedürfnis nach Geschichten und danach, jemand anderes sein zu können oder sich wiederzufinden und gesehen zu fühlen, bleibt bestehen.

Dr. Ines Galling
Lektorin für deutschsprachige und skandinavische Kinder- und Jugendliteraturen in der Stiftung Internationale Jugendbibliothek München